ESPRESSO

Wenn's mit dem Cafe zu lange dauert

Lange bevor die ersten Fighter die Erde beherrschten gab es natürlich auch schon Individualisten mit einem Hang zum aus Wacken bekannten Prinzip "Faster, Harder, Louder". Mit ihren flachen und schnittigen Umbauten bereiteten sie den Grundstock für den Schmelztiegel des heute bekannten Phänomens, was bedeutet, daß sie in der Evolutionskette an initialer Stelle siedeln. Aber nur weil sich das Klima gewandelt hat, heißt das nicht, daß sie zum Aussterben selektiert wurden. Wir konnten eines der letzten, scheuen Exemplare in freier Wildbahn aufspüren und fotografieren. Darf ich vorstellen: Caferaceus Seeleygensis.[/einleitung]

1986: Die Russen schießen die "MIR" ins All. (West-)Deutschland unterliegt den Argentiniern bei der WM in Mexiko. In Tschernobyl entscheidet sich ein total maroder Kernreaktor zum spontanen Freilassen von reichlich Strahlung und in der BRD beschließt Dietmar den Kauf eines neuen Motorrads. Aber nicht die damals brandneuen, kunterbunten Supersportler vom Schlag der Knicker-Gixxer hatten es ihm angetan, seine Suche zielte vielmehr auf ein anderes Lager. Es sollte eine ganze Ecke exklusiver und minimalistischer sein. Nachdem er sich bereits eine ganze Reihe Rickmans und RAUs angesehen hatte, konnte er eine nochmals deutlich seltenere Seeley-Honda (eine von nur 302 gebauten) am nördlichsten Ende der Republik ergattern.

Siebziger Jahr, blondes Haar

Aufgebaut im Stil der Siebziger Jahre (also mit allerlei üppigem Plastik) sowie übelst lackiertem Motor und Auspuff stand sie nach Zahlung von 4200,- DM alsbald auf heimischem Terrain. Im ersten Stadium machte Dietmar den Trümmerhaufen grob fahrbereit und beschränkte sich auf die Wiederherstellung des Urzustands. Kaum war der Schritt jedoch abgeschlossen, stand Dietmar vor dem Krad und kämpfte mich Brechdurchfall. "Die Verkleidung sah total Scheiße aus!", erinnert er sich noch heute an jenen unsäglichen Moment. Und so zerlegte er das just aufgebaute Fahrzeug wieder in seine Einzelteile. Diesmal aber komplett.

Lack mich am Arsch

Alutank und Rahmen waren bis dato noch lackiert, was Dietmar aber ändern wollte. So beizte er vorsichtig den Rahmen, schliff und polierte das edle Rohrwerk und übergab es einer Galvanik-Firma zum Vernickeln. Mit frisch gefasstem Mut und einigen Bögen Schmirgelpapier nahm er inzwischen auf der Terrasse Platz und begann, die Farbe vom Tank zu rubbeln. Das ging rechterhand auch wunderbar. Die frisch gewonnene Euphorie musste er aber schnell wieder begraben, als er die linke Hälfte nackig machte. Zerknittert wie der Arsch von Else Kling und löchriger als das Parteiprogramm der FDP zeigte sich das Drama bald in vollem Umfang: Das Spritfaß hatte offensichtlich übelsten Straßenkontakt erlitten und war äußerst dilettantisch per Spachtelorgie wieder in Form gebracht worden. Zudem hatte der "Instandsetzer" einige Löcher in die Seite gebohrt - offensichtlich um die gröbsten Beulen herauszuziehen - und diese nur mit Harz wieder verschlossen. Dietmar wollte schon frustriert einen Schlitz in die Oberseite des Spritfasses sägen und das Teil als Spardose benutzen, entschied sich dann aber doch für eine aufwendige Restaurationsorgie. Mit Erfolg.

Reden ist Silber, Wing ist Gold

Bei der Peripherie des Rahmens griff er anschließend auf eher ungewöhnliche Organe zurück: Ausgerechnet eine Goldwing spendete Gabel, Räder und Bremsteile. Das ist erst einmal so, als würde man versuchen, Halle Berry mit Teilen von Oprah Winfrey aufzumotzen. In diesem Ausnahmefall funktionierte das Vorhaben aber wunderbar, war der Schlachtkahn doch ein frühes Relikt und mit seinen ansehnlichen Hochschulterfelgen geradezu prädestiniert. Gänzlich plastikfrei zeigte sich ein wenig später auch das Heck des Caferäubers, welches Dietmar den Norton-Manx Modellen nachempfunden hat. Zwischendurch experimentierte er gerne mit kleinen Schweinereien wie etwa einem 900ccm Satz herum, dessen Auswirkungen er bescheiden mit "Läuft ganz gut!" zu kommentieren pflegt. Sprach's, verschwand unter seinem Helm und zog von dannen. Wenn einen der Cafedurst treibt, gibt's eben kein Halten mehr.


TECHNISCHE DATEN

Modell: Seeley-Honda (Bj.'77)

Besitzer: Dietmar Claus

Erbauer: Collin Seeley / Dietmar Claus

Motor: CB 750 Four K6, Piranha-Zündung

Vergaser: Keihin Rundschieber

Luftfilter: offene Ansaugtrichter mit Sieb

Auspuff: BSM

Rahmen: Seeley, vernickelt

Schwinge: Seeley Zweiarm-Schwinge

Federbein: Amerikanische Progressive Suspension

Gabel: 38mm GL1000

Gabelbrücken: unten Original, oben aus dem Vollen gefräste Alubrücke

Räder: Speichenräder mit Alufelgen (GL1000), vorne 1.85" x 19", hinten 2.50" x 17"

Bereifung: Bridgestone BT 45, vorne 100/90-19, hinten 120/80-17

Lenker: Magura Stummel (Alu)

Bremsen: vorne Serien-Scheibe mit Lockheed 2-Kolben Festsattel, hinten CB750-Trommelbremse

Fußrastenanlage: VA-Eigenbau

Höcker: Eigenbau (Manx-Style)

Seitendeckel: rechts CB 750, links Alu-Abdeckung

Kotflügel: Rickmann-Sportfender

Armaturen: CB 750

Instrumente: Brendy Well-Tacho

Sonstiges: Seeley-Tank (Alu, 20l), Rundscheinwerfer, Stahlflex-Leitungen (Goodridge)

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